Stimmen aus dem Unterricht
Wir freuen uns sehr, gemeinsam mit Sebastian Probst, Dozent und Mitglied der wissenschaftlichen Leitung des Lehrgangs «Diplomierte/-r Wundexperte/-in», einen persönlichen Einblick in seine Erfahrungen zu erhalten.
Wie würden Sie die Bedeutung professioneller Wundbehandlung im Gesundheitswesen heute beschreiben und warum ist sie aus Ihrer Sicht so zentral für die Versorgung von Patientinnen und Patienten?
Sebastian Probst: Die professionelle Wundbehandlung hat heute eine zentrale Bedeutung im Gesundheitswesen, da chronische und komplexe Wunden weltweit zunehmen. Faktoren wie die demografische Entwicklung, die steigende Prävalenz von Diabetes mellitus, vaskulären Erkrankungen und Multimorbidität führen dazu, dass immer mehr Patientinnen und Patienten von schwer heilenden Wunden betroffen sind. Ein entscheidender Grundsatz der professionellen Wundbehandlung ist, dass eine erfolgreiche Therapie immer mit einer präzisen diagnostischen Abklärung beginnt. Erst wenn die zugrunde liegende Ätiologie einer Wunde erkannt wird, kann eine zielgerichtete und kausale Behandlung erfolgen. Studien zeigen deutlich, dass diagnostische Verzögerungen mit längeren Heilungszeiten und schlechteren Behandlungsergebnissen verbunden sind. Professionelles Wundmanagement bedeutet daher weit mehr als die lokale Versorgung einer Wunde. Es umfasst eine strukturierte klinische Beurteilung, die Ursachenanalyse, die Einbeziehung systemischer Faktoren sowie eine interprofessionelle Zusammenarbeit. Ziel ist es, evidenzbasierte Therapiestrategien umzusetzen und gleichzeitig die individuellen Bedürfnisse der betroffenen Person zu berücksichtigen. Aus meiner Sicht beginnt professionelle Wundbehandlung daher nicht mit dem Verbandwechsel, sondern mit einer fundierten Diagnostik und einem ursachenorientierten Behandlungskonzept. Nur so lassen sich Heilungsprozesse nachhaltig fördern, Komplikationen vermeiden und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten verbessern.
Gab es einen Moment oder ein Erlebnis aus Ihrer beruflichen Laufbahn, das Ihnen gezeigt hat: Wir brauchen dringend mehr spezialisiertes Wundwissen?
Sebastian Probst: Im Verlauf meiner beruflichen Tätigkeit gab es mehrere Situationen, die mir deutlich gezeigt haben, wie wichtig spezialisiertes Wissen im Bereich der Wundversorgung ist. Besonders prägend waren Fälle von Patientinnen und Patienten mit chronischen Wunden, die über längere Zeit behandelt wurden, ohne dass eine umfassende diagnostische Abklärung erfolgt war. In vielen dieser Situationen lag der Fokus primär auf der lokalen Wundversorgung, während ein strukturiertes klinisches Assessment und eine systematische Ursachenanalyse fehlten. Erst durch eine umfassende klinische Beurteilung, die neben der lokalen Wundsituation auch vaskuläre, metabolische, infektiologische sowie patientenbezogene Faktoren berücksichtigt, konnte die zugrunde liegende Ätiologie identifiziert werden.
Ein solcher holistischer Ansatz, der die gesamte klinische Situation der Patientin oder des Patienten einbezieht, führte häufig zu einer Anpassung der Therapie und in der Folge zu einer deutlichen Verbesserung des Heilungsverlaufs. Diese Erfahrungen haben mir sehr klar vor Augen geführt, dass erfolgreiche Wundbehandlung nicht allein in der lokalen Versorgung besteht. Sie basiert vielmehr auf einem strukturierten klinischen Assessment, einer fundierten Diagnostik und einem ganzheitlichen Verständnis der komplexen Faktoren, die den Wundheilungsprozess beeinflussen.
Der Lehrgang integriert Themen wie evidenzbasierte Praxis, Ernährungslehre oder moderne Verfahren (z. B. Hautersatzmaterialien). Was macht diese Inhalte für die Wundheilungspraxis so relevant?
Sebastian Probst: Die Wundheilung ist ein komplexer, multifaktorieller Prozess, der sowohl von lokalen als auch von systemischen Faktoren beeinflusst wird. Eine qualitativ hochwertige Wundversorgung erfordert daher ein fundiertes Verständnis dieser Einflussgrössen sowie deren Integration in ein strukturiertes klinisches Assessment.
Die evidenzbasierte Praxis gewährleistet, dass diagnostische und therapeutische Entscheidungen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und gezielt eingesetzt werden können. Der Ernährungsstatus ist dabei ein zentraler Einflussfaktor, da Defizite die Geweberegeneration erheblich beeinträchtigen können.
Moderne Verfahren, wie beispielsweise Hautersatzmaterialien, erweitern die therapeutischen Möglichkeiten erheblich, setzen jedoch ein differenziertes Verständnis von Indikationen und klinischer Anwendung voraus.
Die Kombination dieser Inhalte trägt wesentlich dazu bei, klinische Entscheidungen zu präzisieren und die Patientenresultate zu verbessern, indem Prävention sowie Heilungsprozesse beschleunigt, Komplikationen reduziert und Therapien individueller angepasst werden können.
Auch wenn Pflegefachpersonen in der Schweiz derzeit nur eingeschränkt über Verordnungskompetenzen verfügen, ist dieses Wissen essenziell. Es befähigt sie, klinische Situationen fundiert zu beurteilen, evidenzbasierte Therapievorschläge einzubringen und aktiv zur interprofessionellen Entscheidungsfindung beizutragen, was sich direkt positiv auf die Versorgungsqualität und die Behandlungsergebnisse auswirkt.
Welche Vorteile sehen Sie in diesem Lehrgang im Vergleich zu anderen Weiterbildungen im Bereich Wundmanagement?
Sebastian Probst: Ein wesentlicher Vorteil dieses Lehrgangs liegt in seiner konsequent integrativen und klinisch ausgerichteten Struktur. Im Gegensatz zu vielen Weiterbildungen, die sich primär auf die lokale Wundversorgung fokussieren, vermittelt dieser Lehrgang ein vertieftes Verständnis für die zugrunde liegenden pathophysiologischen Zusammenhänge sowie für die Bedeutung einer strukturierten Diagnostik. Besonders hervorzuheben ist die enge Verknüpfung von evidenzbasierter Theorie und praktischer Anwendung. Die Teilnehmenden werden befähigt, komplexe Wundsituationen systematisch zu analysieren, klinische Entscheidungen fundiert zu begründen und Therapieansätze kritisch zu reflektieren.
Ein weiterer zentraler Vorteil besteht darin, dass der Lehrgang auf dem EWMA Curriculum für Pflegefachpersonen auf Level 6 basiert und entsprechend von der EWMA endorsed ist. Dies gewährleistet eine hohe inhaltliche Qualität sowie eine internationale Vergleichbarkeit und Anerkennung der Ausbildung. Darüber hinaus legt der Lehrgang einen starken Fokus auf interprofessionelle Zusammenarbeit. Er fördert die Fähigkeit, unterschiedliche fachliche Perspektiven zu integrieren und aktiv zur gemeinsamen Entscheidungsfindung beizutragen. Nicht zuletzt unterstützt diese umfassende Ausbildung eine Verbesserung der klinischen Ergebnisse, indem sie dazu beiträgt, Diagnosen präziser zu stellen, Therapien zielgerichteter einzusetzen und dadurch die Patient Outcomes nachhaltig zu verbessern.
Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Erfahrung nennen, wo das Wissen aus dem Lehrgang direkt zu einer verbesserten Patientenversorgung oder einem effizienteren interprofessionellen Arbeiten beigetragen hat?
Sebastian Probst: Ein anschauliches Beispiel aus der klinischen Praxis ist die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit einer chronischen venösen Insuffizienz oder einem diabetischen Fussulkus. In solchen Fällen ist eine isolierte Betrachtung der Wunde nicht ausreichend, sondern es bedarf eines strukturierten klinischen Assessments sowie einer engen interprofessionellen Zusammenarbeit. Durch die Anwendung der im Lehrgang vermittelten Kompetenzen konnte die Situation systematisch analysiert werden, einschliesslich der Beurteilung der Durchblutung, der Infektionszeichen, der Druckbelastung sowie relevanter systemischer Faktoren. Auf dieser Grundlage wurde ein evidenzbasiertes, interprofessionell abgestimmtes Behandlungskonzept entwickelt. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei auch die frühe Prävention. Durch eine rechtzeitige Identifikation von Risikofaktoren und eine gezielte Intervention, beispielsweise durch Druckentlastung, Kompressionstherapie oder Patientenedukation, können Wunden häufig verhindert oder in einem frühen Stadium behandelt werden. Die strukturierte Diagnostik, die gemeinsame Entscheidungsfindung sowie die kontinuierliche Evaluation des Therapieverlaufs führten zu einer deutlichen Verbesserung des Heilungsverlaufs. Gleichzeitig konnte die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Berufsgruppen effizienter gestaltet werden, da alle Beteiligten auf einer gemeinsamen fachlichen Grundlage agierten.
Wie verändert sich die Rolle einer diplomierten Wundexpertin / eines Wundexperten im interprofessionellen Team?
Sebastian Probst: Die Rolle der diplomierten Wundexpertin beziehungsweise des Wundexperten hat sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Sie beschränkt sich nicht mehr auf die Durchführung lokaler Wundtherapien, sondern umfasst zunehmend eine erweiterte, klinisch-analytische sowie koordinierende Funktion im interprofessionellen Team.
Zentral ist dabei die Kompetenz im strukturierten klinischen Assessment und in der differenzierten Diagnostik. Wundexpertinnen und Wundexperten tragen wesentlich dazu bei, die Ätiologie von Wunden zu klären, evidenzbasierte Therapieentscheidungen zu unterstützen und komplexe Behandlungssituationen zu strukturieren.
Darüber hinaus übernehmen sie eine wichtige Schnittstellenfunktion zwischen den verschiedenen Berufsgruppen. Sie fördern die interprofessionelle Kommunikation, tragen zur Abstimmung von Behandlungsstrategien bei und unterstützen eine gemeinsame, patientenzentrierte Entscheidungsfindung. Zunehmend entwickeln sich Wundexpertinnen und Wundexperten auch zu beratenden und edukativen Fachpersonen innerhalb von Organisationen. Sie vermitteln Wissen, fördern Qualitätsstandards und tragen dazu bei, evidenzbasierte Konzepte in der Praxis zu implementieren. Insgesamt zeigt sich, dass ihre Rolle heute wesentlich dazu beiträgt, die Versorgungsqualität zu verbessern, Prozesse zu strukturieren und die Behandlung komplexer Wunden effizienter und nachhaltiger zu gestalten.
In welchen Settings entfaltet das neu erworbene Wundwissen seinen grössten Nutzen?
Sebastian Probst: Spezialisiertes Wundwissen entfaltet seinen grössten Nutzen in allen Versorgungssettings, in denen komplexe oder chronische Wunden auftreten. Dazu zählen insbesondere Akutspitäler, Langzeitpflegeeinrichtungen, ambulante Wundzentren sowie die häusliche Pflege. Von besonderer Bedeutung ist das Wissen jedoch in Settings, in denen die Erstbeurteilung und die initiale diagnostische Einschätzung erfolgen. Gerade in der Primärversorgung und im ambulanten Bereich kann durch ein strukturiertes klinisches Assessment und eine frühzeitige, korrekte Diagnosestellung der weitere Behandlungsverlauf entscheidend beeinflusst werden. Darüber hinaus ist spezialisiertes Wundwissen auch in der Langzeitversorgung zentral, da hier häufig Patientinnen und Patienten mit komplexen, multifaktoriellen Wundsituationen betreut werden. In diesen Settings trägt es wesentlich dazu bei, Komplikationen zu vermeiden, Heilungsverläufe zu optimieren und die Kontinuität der Versorgung sicherzustellen.
Insgesamt zeigt sich, dass der grösste Nutzen dort entsteht, wo Wundexpertise frühzeitig eingesetzt wird, interprofessionelle Zusammenarbeit möglich ist und eine kontinuierliche Betreuung gewährleistet werden kann.
Welchen Beitrag leisten gut ausgebildete Wundexpert/-innen zur Versorgungsqualität, aber auch zu Kosten, Heilungsdauer und Lebensqualität?
Sebastian Probst: Gut ausgebildete Wundexpertinnen und Wundexperten leisten einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Versorgungsqualität, indem sie eine präzise Diagnostik, ein strukturiertes klinisches Assessment und eine evidenzbasierte Therapieplanung sicherstellen. Durch die frühzeitige Identifikation der Wundursache und eine zielgerichtete, ursachenorientierte Behandlung können Heilungsprozesse beschleunigt und Komplikationen reduziert werden. Dies führt in der Regel zu einer verkürzten Heilungsdauer und zu einer geringeren Chronifizierung von Wunden. Gleichzeitig wirkt sich eine qualitativ hochwertige Wundversorgung auch auf die Kosten im Gesundheitswesen aus. Fehl- oder Übertherapien können vermieden, Hospitalisationen reduziert und Ressourcen effizienter eingesetzt werden. Für die betroffenen Patientinnen und Patienten bedeutet dies eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Eine erfolgreiche Wundheilung geht häufig mit einer Reduktion von Schmerzen, einer verbesserten Mobilität sowie einer höheren sozialen Teilhabe einher.
Wir bedanken uns herzlich für das Interview!
Sie interessieren sich für diesen EWMA-anerkannten Lehrgang? Die nächsten Starts sind am 15. Juni 2026, 31. August 2026, 26. Oktober 2026 oder 1. Februar 2027